Am 21. Oktober hat MySQL bzw. Sun zur Kundenkonferenz nach München gerufen. Da meine Firma sich neuerdings auch als MySQL-Partner versucht, war das für $KOLLEGE und mich ein Pflichttermin. Dachten wir.
Das erste – und einzige – Durchsatzproblem morgens bei der Registrierung. Die Veranstaltung sollte um 9:15h mit der Begrüßung beginnen, ich kam mit dem Radl um 9:16h am Hotel an und wurde ganz automatisch zum (vorübergehenden) Ende einer langen Schlange. Immerhin: Die Wartezeit in der Schlange hielt sich in Grenzen. Und Zeit für ein Glas Wasser war auch noch. Später erfahren wir: etwas über 200 Besucher. Was mir auffällt: Neben recht jungen Startups auch einige sehr gediegene Firmen auf den Namensschildern. Deutlich jüngere Menschen, als ich das z. B. von anderen Sun-Veranstaltungen kenne (bin sonst überwiegend bei Storage-, Hardware- und RZ-Themen).
Dann Begrüßung durch
Kaj Arnö. Schwedischer Finne in Deutsch mit schweizerischem Akzent. Ich fand das sympatisch. Bei MySQL zuletzt als
Vice President Community Relations tätig, steht auf seiner Visitenkarte jetzt
MySQL Ambassador, was bei Sun so viel heißt wie
"gehe hin und verkünde die frohe Botschaft unter den Menschen". Kaj stellte ausführlich das Tagesprogramm vor und moderierte tagsüber dann auch die Veranstaltung.
Die Keynote geht an
Robin Schumacher, Marketing Manager MySQL. Wrapup: Es gibt viel neues (Storage Engine Falcon, jede Menge Backup, jede Menge interne Verbesserungen, Clustering etc.), die Roadmap geht weit nach vorne. Angeschnitten wurden die Versionen 5.1, 6.0, 6.1 und 6.2. In der Kürze der Zeit leider nur oberflächlich. Robin sollte am Schluß im halbstündigen Fragenteil nochmal auftauchen und dort die allermeisten der Fragen zu zukünftigen Technologien sehr fachmännisch beantworten. Danach die erste Kaffeepause.
Web 2.0, MySQL auf Solaris und Hochverfügbarkeit
Jetzt hieß es, den spannenderen, interessanteren Vortrag aus dem Angebot heraus zu fischen. Angeboten wurden zwei parallele Tracks. Während sich $KOLLEGE zu Web-Anwendungen und damit zusammenhängend
memcached schlau machte, tat ich mir "Best Practices für den Einsatz von MySQL auf Solaris" an. Erwartet hatte ich mir ein paar Tuning-Tipps, die eine oder andere Idee zur Konfiguration von Filesystemen unter Solaris im Zusammenhang mit MySQL und so Sachen halt. Bekommen habe ich im wesentlichen einen Überblick der "neuen" Features in Solaris 10. Für einen langjährigen Sun-Partner natürlich alter Hut. Der Vortragende zwar engagiert bei der Sache, aber den wesentlichen Vorteil eines ZFS Snapshots beim Backup von Datenbanken konnte er nicht zufriedenstellend erklären. Was ganz sicher nicht an mangelndem Wissen über ZFS lag. Eher an dem üblichen Techniker-Problem, komplizierte Zusammenhänge in einer dem Laien verständlichen Sprache auszudrücken. Immerhin gab es einige Pointer in die Netzwelt, wo über den Einsatz von MySQL auf Solaris berichtet wird. Die Pointer genauer zu studieren hatte ich noch keine Zeit.
Zweiter Vortrag in diesem Block: "Wahl der richtigen Hochverfügbarkeitslösung für MySQL". Hier hätte ich gerne einen technischen Vergleich der unterschiedlichen Möglichkeiten gehabt. Statt dessen bekam ich eine Vorstellung der Möglichkeiten, ohne großartige Bewertung, wann denn jetzt das eine dem anderen vorzuziehen sei und warum. Schade, gerade HA bei Datenbanken ist eines der Schwerpunkte meines Brötchengebers. In der Parallelsession wurde in der Zeit über Lastverteilung mit MySQL Proxy gesprochen. Da hatten wir kürzlich ein Kundenprojekt, wo wir uns über solche Verfahren Gedanken machen mussten. Zur Debatte stand, etwas intelligenteres für einen verteilten Zugriff aufzubauen, als es
Oracle RAC macht. Leider ist der MySQL Proxy dort dann auch nur begrenzt sinnvoll, weil $KUNDE ein Schreib-/Leseverhältnis von mindestens 50:50 hat, im Extremfall sogar 90% Writes, der Proxy aber zum Schreiben genau eine "Strecke" nutzt und nur das Lesen parallelisiert. Wenn mir das $KOLLEGE richtig erklärt hat.
Nach der Mittagspause (Standardhotelbuffet) Donatus Schmidt (Marketing Director Sun Deutschland) über die Integration von MySQL AB in Sun Microsystems. Sun scheint mit dem Verlauf soweit zufrieden zu sein, passt ja auch in deren OpenSource Konzept. Hoffentlich adaptiert Sun mehr von den OpenSource-Wurzeln von MySQL als umgekehrt. Donatus spricht selten länger als notwendig, so auch dieses Mal. Angenehm. Muss an seinen Ingenieurs-Wurzeln liegen
:-)
Der Turbo für das Data Warehouse
Danach für mich das unerwartete Highlight des Tages: Miriam Tuerk über "Erstellung eines Multi-Terabyte Data Warehouse mit MySQL und Infobright".
Miriam ist CEO von
Infobright, einer kanadischen Software-Firma, die Data Warehouse auf Basis von MySQL macht. Die Kanadierin mit deutscher Abstammung hat sehr engagiert und sehr unterhaltsam halb deutsch und halb englisch über das Data Warehouse von Infobright erzählt. Darunter liegt MySQL, davon kriegt der Anwender aber nichts mit. Der installiert nur eine Anwendung, pumpt da Daten rein und kann sie beeindruckend schnell wieder raus kriegen. Technisch gelöst ist das mit ein bisschen Intelligenz in der Art und Weise, wie die Daten in die Datenbank rein kommen und anschließend ein bisschen angewandte Mathematik (von einem polnischen Entwicklerteam), das die Daten analysiert und die Analyseergebnisse als eine Art Metadaten mit dazu packt. Viele der typischen Anfragen an ein Data Warehouse könnten so schon direkt aus den Metadaten beantwortet werden, eine Datenanalyse zur Laufzeit wäre nur selten notwendig, wurde uns – auch Anhand nachvollziehbarer Beispiele – erklärt. Vergleiche bei einem Kunden zwischen einer etablierten Oracle-Lösung und Infobright hätten um Größenordnungen kürzere Antwortzeiten (Minuten/Stunden vs. Sekunden) ergeben. Mir hat insbesondere das Engagement gefallen, wie über die Lösung berichtet wurde. Leider haben wir keine Kunden, die in großem Stil Data Warehouse betreiben...
Totpunkt am Nachmittag
Jetzt wieder aufteilen in parallele Sessions, zwei Vorträge nacheinander. Während auf der einen Seite Anwenderberichte liefen, haben $KOLLEGE und ich beschlossen, uns lieber die Fachvorträge anzuhören. Zuerst "MySQL Performance Tuning". Sehr interessantes und spannendes Thema. Eigentlich. Allerdings kam ich mit der Vortragsart des Sprechers so überhaupt gar nicht zurecht. Halbe Sätze mit (zu) langen Denk-/Spannungspausen dazwischen, recht eintöniger Tonfall, und das auch noch in meinem persönlichen Nachmittagsloch, wo die Aufmerksamkeit eh unten ist. Es gab ein paar nette Ansätze zur Performance-Analyse, ein klein wenig davon war sogar neu für uns.
Danach das Thema "Backup-Strategien für MySQL". Auch hier scheinbar wieder falsche Erwartungen. Wir hätten halt gerne was gehört zu Strategien. Wie macht man Backup und Restore besonders schnell, bei besonders großen Datenbanken, wenn man es besonders günstig haben will etc. pp. Statt dessen eine "Produktvorstellung" der unterschiedlichen Backup-Möglichkeiten. Ohne großartige Gegenüberstellung. Die bleibt dem Zuhörer dann selbst überlassen. Möglicherweise wären die beiden Anwendervorträge die bessere Wahl gewesen...
Letzte Kaffeepause, danach Abschlußvortrag zu "Vertikale Skalierung, horizontale Skalierung, Virtualisierung – was ist die beste Wahl für MySQL?". Neben dem Infobright-Vortrag nach Mittag war das mein zweiter Favorit des Tages. Sehr kompetent und ausreichend technisch vorgetragen, schöne, nutzbare Gegenüberstellungen, Diskussion von Performance-Messungen. Solches Material brauchen wir als MySQL-Partner, um Kunden zu überzeugen. Angeblich hätte es
hier Details dazu zum Nachlesen geben sollen, die Adresse funkioniert zwar, aber es gibt dort noch keine Einträge. Schade. Hoffentlich kommen die Details noch, wäre sehr interessiert daran.
Nach einer knappen halben Stunde Frage und Antwort über alle Vorträge mit allen Sprechern Ende des offiziellen Teils.
Die guten ins Töpfchen...
Was mir gut gefallen hat: Die Veranstaltung war klein genug, um mit den richtigen Leuten in Kontakt zu kommen. Die Wahl des Hotels (City Hilton am Rosenheimer Platz) erleichterte extrem die Erreichbarkeit. S-Bahn quasi vor der Haustüre.
Was mir weniger gut gefallen hat: Die Vorträge hätten für mich technischer sein dürfen. Ich fragte mich mehrmals, ob das jetzt eine
Kundenkonferenz ist oder eine Einführungsveranstaltung für zukünftige Kunden. Für letzteres war die Veranstaltung mit knapp 200 EUR je Nase zu teuer. Für das Geld hätte ich dann auch gerne noch ein paar andere Erfrischungsgetränke gehabt als ausschließlich Wasser. Und abends beim Ausklang hätte ich ein Bier dem kredenzten Wein vorgezogen, wobei es immerhin guter Rotwein war.
Und was ich mal wieder nicht verstehe: Es hieß, sämtliche Slides würden online gestellt. Als Zeitpunkt wurde uns "in ca. zwei Wochen" genannt. Bis dahin hat doch keiner mehr Interesse daran bzw. die Veranstaltung zu großen Teilen schon wieder vergessen. Man will das am Tag oder spätestens zwei Tage danach durcharbeiten. Meine Firma macht einmal im Jahr eine Hauskonferenz mit 6-7 Vorträgen, die stehen am nächsten Tag online. In meiner "Freizeit" organisiere ich
umfangreichere Konferenzen mit
mehr Sprechern über mehrere Tage. Und wir haben fast alle Slides spätestens zwei bis drei Tage nach der Konferenz online verlinkt. Viele davon sogar schon während der Veranstaltung. Was, so frage ich mich, dauert da bei den großen Herstellern immer so lang?